Ich gebe zu, ich bin mit Vorurteilen bepackt und nicht grade voller Vorfreude nach China gereist. Das Essen ist schlecht (zumindest für fleischliebende Europäer), die Luft ist schlecht, das Land dreckig, überall Prostitution und alles wird kopiert.
Was soll ich sagen? Zumindest Nantong hat sich keine Mühe gegeben diese Vorurteile auszuräumen.
Essen – Das Hotel war groß und besaß zwei Restaurants. Eins mit chinesischer/japanischer Küche und eines welches „Western-Küche“ anbietet. Im Klartext heißt das, chinesische Köche versuchen sich an europäischen oder amerikanischen Spezialitäten. So reichte die Karte von ein paar Pilzsuppen, zu Kartoffelpuffern, ein paar „Steaks“, verschiedenen Gerichten mit Huhn und Curry bis zu Spaghetti Bolognese. Soweit die Theorie. In der Praxis sieht es dann eher so aus: Steak gibt es nur Montag bis Mittwoch, danach ist der Vorrat für die Woche erschöpft und das was dann als Fleisch angeboten wird würde man hier vermutlich noch nicht mal einem Geier zu Fraß vorwerfen. Die Suppen kommen aus dem asiatischen Restaurant und werden noch kurz mit „etwas“ Maggi bestückt, bis ihre Farbe tiefschwarz ist und sie nur noch nach Gewürzersatzstoffen schmecken. Allgemein scheint es auch so zu sein, das immer andere Köche anwesend sind. Denn wenn ein Gericht einmal ganz OK war und man dieses voller Vorfreude und Hunger dann ein paar Tage später noch mal bestellt, sieht es ganz anders aus und schmeckt vor allem auch anders. Einzig die Spaghetti, naja wohl eher Glasnudeln, mit Bolognese Sauce schmeckten zweimal gleich und das sogar noch ganz gut.
Wenn man dann an einem freien Tag mal durch die Straßen wandert wird an jeder Ecke etwas zu essen angeboten. Die Gerüche reichen von „Hmm, das könnte man mal probieren.“ bis zu „Oh mein Gott, die kochen mit Salzsäure“. Manchmal hatte ich wirklich das Gefühl es verätzt mir alle Nasenhaare. Wer bekommt denn bei so was noch Hunger? Ich habe mich also beim Essen auf die Hotelküche beschränkt. Die war zwar nicht perfekt, aber wenigstens roch es immer gut, und hat keinen Brechreiz hervorgerufen.
Abgenommen hab ich trotzdem, oder gerade deshalb, 2-3 Kilo in den zwei Wochen.
Luft – Ich weiß nicht wieso hier in Deutschlang über Feinstaub und CO² diskutiert wird, während man dort drüben alles ungefiltert in die Luft bläst. Egal ob kleiner 2-Takter oder großer LKW-Diesel. Die Wolken die dort aus dem Auspuff gelassen werden verursachen schon beim angucken Atemnot. Bei den Fabriken ist es nicht besser. Sonnenschein gibt es nicht. Die Sonne versuchte öfters mal sich einen Weg durch die Dunst- und Dreckwolken zu bahnen, aber bis auf ein bisschen kümmerliches gelbes Licht kam nichts davon durch. Normalerweise hab ich sehr wenig Kopfschmerzen. Das ich dort fast täglich eine Tablette gegen ebensolche eingeworfen habe, sollte ein Beweis sein, für schlechte Luftqualität.
Dreck – Gibt’s es überall. Müllsäcke werden einfach auf die Straße geschmissen, Ratten, Katzen und Hunde essen sich an den Resten satt (könnte auch sein, dass hier nur ein Koch seinen Köder ausgeworfen hat) und egal wo man hinguckt, liegen Papier- und Plastikverpackungen in den Büschen und auf den Wegen.
Prostitution – Nur ganz kurz als Paradebeispiel. Ich wohnte in einem Hotel mit etwa 500 Zimmern. Also doch schon ziemlich groß. Tennisplatz, Sportraum, Frisör, kleine Shops und auch ein kleiner Massagesalon/Spa waren vorhanden. Also gönnte ich mir nach einem langen Tag eine Massage. Das können sie, muss man wirklich mal lobend hervorhebend. Als mich die Dame zum Abschluss fragte ob sie mich noch anderweitig beglücken dürfte und mir dabei eine Preisliste für eindeutige Angebote unter die Nase hielt, war die ganze Entspannung wieder weg. Diese „Spa“ hab ich nie wieder betreten und auch keine andere!
Kopieren – Nein, damit meine ich kein Papier. Es wird einfach alles kopiert. Egal wann und wo man sich umguckt, bei allem hat man das Gefühl es schon einmal gesehen zu haben. Autos, die bekannten Fahrzeugen zum verwechseln ähnlich sehen, aber doch anders sind. Wohnsiedlungen die aussehen wie Miniatur ausgaben des Empire State Buildings, englische Landhäuser oder toskanische Villen. Es kommt einem bekannt vor, und doch fühlt man sich nicht heimisch. Alles wirkt billig, ist es vermutlich auch, und vor allem dreckig. Gerade bei Gebäuden könnte man denken, dass diese zur Einmal-Nutzung erbaut werden. Sie werden gebaut, nicht gepflegt und wenn die Substanz hinüber ist, wird es entweder an die Ärmsten vermietet oder verrotten gelassen. Denn mittlerweile hat sich das Zentrum des Geschehens und des Wohlstandes wieder ein paar Kilometer in eine andere Richtung verschoben, wo gerade gebaut wird, was die Kräne hergeben. Somit schließt sich der Kreislauf wieder.
Alles in allem hat China bei mir einen ziemlich traurigen Eindruck hinterlassen. Die Menschen versuchen fröhlich zu sein wenn sie mich als Ausländer erblicken. Beobachtet man sie jedoch im Stillen, sieht man in vielen Gesichtern die Resignation und Unzufriedenheit.
Ich persönlich kann Menschen nicht verstehen, die China lieben und gerne dort hin reisen. Ich bin aber auch der Meinung, dass man sein Bild über ein Land nicht an den Touristen Orten festmachen darf. Hauptstädte sind immer anders als das Land an sich. München und Berlin sind auch nicht Deutschland. Das wahre Gesicht eines Landes zeigt sich da, wo die Menschen leben und arbeiten und nicht dort, wo sie für Touristen die heile Welt vorspielen um sich ihren Lebensunterhalt zu sichern.
Dies ist jetzt nicht nur auf China bezogen, sondern lässt sich auf jedes Land dieser Welt projizieren. Wenn ihr euch wirklich ein Bild von einem Land und dessen Menschen machen wollt, dann schnappt euch ein Auto und fahrt von eurem Touristenort mit Poolbar und Strandhotel zwei Stunden in eine beliebige Richtung. Dort bleibt ihr dann eine Woche, lebt und arbeitet mit den Einheimischen. Dass ist das Gesicht dass dieses Land wirklich hat!
Ich habe meine Meinung über das was ich von China gesehen habe jetzt in knapp 3000 Wörtern niedergeschrieben. Natürlich sind all diese Wörter aus meiner rein subjektiven Erfahrung entstanden. Vielleicht gibt es auch andere Ecken, die schöner sind, denn wie ein bekannter Mann mal sagt: „Gras is always greener on the other side!“
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